Von Otersen lernen. Weserkurier am 02.03.2013

Von Otersen lernen. Weserkurier am 02.03.2013

 

Meyenburg will seinen Dorfladen retten / Günter Lühning berichtet über Vorzeigeprojekt im Kreis Verden- 02.03.2013

 

Von Otersen lernen
Von Gabriela Keller

Das Interesse war groß: Mehr als 100 Meyenburger Bürger versammelten sich am Donnerstagabend im Dorphuus. Es ging um die Zukunft des Ladens. Wie können Bürger die letzte Einkaufsmöglichkeit im Dorf retten? Von den Erfahrungen in Otersen wollen die Meyenburger lernen.

Meyenburg. "Es ist einfach toll, dass so viele heute Abend hier sind." Hans Schulze-Eickenbusch stand die Begeisterung ins Gesicht geschrieben Über 100 Meyenburger hatten sich im Dorphuus eingefunden, weil sie um die letzte Einkaufsmöglichkeit in ihrem Dorf bangen. Wie berichtet, will Freya tom Dieck-Schnirring Ende Mai ihren Laden schließen. Ein Arbeitskreis will den Dorfladen retten. Mit Hilfe möglichst vieler Bürger.

Wie so etwas erfolgreich funktionieren kann, erfuhren die Meyenburger am Donnerstagabend von Günter Lühning. Auf Einladung des Arbeitskreises stellte er das Dorfladen-Modell aus Otersen vor. Das 500-Seelen-Dorf im Landkreis Verden hat vorgemacht, wie sich mit Bürgerengagement die Nahversorgung im eigenen Dorf sichern lässt. Vor 13 Jahren stand Otersen vor dem Problem, das jetzt Meyenburg hat. Der letzte von einst drei Lebensmittel-Läden sollte schließen. Daraufhin wurden die Bürger aktiv. Im Dezember 2000 gründeten 60 Oterser eine Dorfladen-Bürgergesellschaft–mit 103000 DM Eigenkapital. Für 500, 1000 oder auch mehr Deutsche Mark konnten die Bürger Anteile erwerben. "Jeder konnte sich nach seinen finanziellen Möglichkeiten beteiligen, das war das Erfolgsrezept", meint Lühning. Eine Form der Beteiligung, die sich Arbeitskreis-Sprecher Hans Schulze-Eickenbusch auch für Meyenburg vorstellen kann.

Mit ihrem Eigenkapital und 50000 DM öffentlichen Zuschüssen eröffneten die Bürger von Otersen am 1. April 2001 ihren Dorfladen. Damals noch in gemieteten Räumen. Inzwischen ist er umgezogen in ein Haus, das die Initiative gekauft und umgebaut hat. Neben Lebensmitteln gibt es dort auch ein Café. Das ist nicht nur Dorf-Treffpunkt, sondern sichert als zweites Standbein den wirtschaftlichen Betrieb des Ladens mit ab. "Das Café ist unsere Lebensversicherung", so Lühning.

Denn die Oterser machten auch schwierige Zeiten durch. Im Startjahr 2001 erwirtschaftete der Dorfladen bei einem Umsatz von 223000 Euro einen Verlust von 24000 Euro. 2004 warf der Laden erstmals Gewinn ab, 2007 rutschte er in die roten Zahlen. Die Oterser stellten das Sortiment um, wechselten den Hauptlieferanten. Seit 2011 geht es wieder bergauf.

Abstimmung mit den Füßen

Ob ein Dorfladen überleben kann oder nicht, haben die Bürger in der Hand – das war die wichtigste Botschaft von Lühning. Anteile zu erwerben ist das eine. Viel wichtiger aber sei, dass die Dorfbewohner in ihrem Laden auch täglich einkaufen. "Die Bürger stimmen jeden Tag selbst mit ihren Füßen ab, ob sich der Dorfladen hält." Als Faustregel gab Lühning den Meyenburgern an die Hand: "Sie müssen mindestens 15 Prozent der Kaufkraft im Dorf binden. Der Dorfladen sollte einen Mindest-Jahresumsatz von 300000 Euro machen. Unter dem läuft es nicht." Hans Schulze-Eickenbusch zeigt sich zuversichtlich. "Das können wir schaffen."

Ein vollständiges Sortiment, guter Service, besondere Angebote–das sind laut Lühning weitere Erfolgsfaktoren für einen Dorfladen. "Backwaren, Fleisch und Wurst müssen gut laufen. Damit wird richtig Geld verdient." In Otersen sind regionale Produkte der Renner. "Sie müssen so viele Angebote wie möglich unter ein Dach bringen, damit möglichst viele Kunden kommen", riet Lühning den Meyenburgern. Dienstleistungen gehörten dazu. In Otersen gibt es im Laden einen Paketdienst und einen Sparkassen-Service.

Fünf Mitarbeiterinnen sind im Dorfladen beschäftigt–als Angestellte. So mancher Meyerburger im Dorphuus, der den Laden vor Ort retten möchte, nahm das erleichtert zur Kenntnis. Ehrenamtlich hinter dem Ladentresen zu stehen, das können sich die wenigsten vorstellen.

Lühnings Rat: Die Meyenburger sollten sich genau überlegen, in welcher Rechtsform sie den Dorfladen betreiben wollen. Da können sie von Otersen lernen. Von einer Genossenschaft riet Lühning ab, wegen der Kosten für die jährliche Betriebsprüfung. "3000 oder 4000 Euro sind eine Menge Geld." Aus diesem Grund haben auch die Oterser die Rechtsform für ihren Laden geändert. Ein wirtschaftlicher Verein unter dem Vorsitz von Lühning betreibt heute das Geschäft.

Die Meyenburger wollen sich die Erfahrungen jetzt für die Suche nach einem eigenen Rettungsweg zunutze machen. Zum Ende des Abends hatten sich rund 40 Bürger in eine Liste eingetragen. Sie wollen sich im Arbeitskreis mit Ideen einbringen. Als Ansporn gab ihnen Günter Lühning eine Erfahrung mit auf den Weg: "Miteinander geht eine ganze Menge." Weserkurier, 02.03.2013