Bürgerversammlung zum "Jägerhaus" - "U x V x F > W" - 13.05.2013

Bürgerversammlung zum "Jägerhaus" - "U x V x F > W" - 13.05.2013

 

Bürgerversammlung zum "Jägerhaus" - "U x V x F > W"

 

Nachdem im März Rhader den Dorfladen in Otersen besucht hatten (siehe hier), folgte der Vorsitzende des Dorfladenvereins Otersen w.V., Herr Günter Lühning, der Einladung der Rhader und sprach auf der Bürgerversammlung am 13.05.2013 in Rhadereistedt.

Günter Lühning sprach vor vollem Haus, denn über einhundert interessierte Rhader und Rhadereistedter fanden sich im Gasthof Mohrmann in Rhadereistedt auf der Bürgerversammlung ein. Lühning stellte an den Anfang seines Vortrags die Entwicklung in Otersen, die uns Rhadern durchaus bekannt sein dürfte: Gasthöfe und Dorfläden schlossen, die Bevölkerungszahl ging um 20% zurück, der Wohnungsleerstand nahm zu, die Immobilienpreise fielen - Otersen drohte zu überaltern und zu einem reinen Wohn- und Schlafort zu veröden.

Otersen sei wie Rhade keine Ausnahme: Gab es 1970 noch über 160.000 Nahversorger in den Dörfern, sei deren Zahl bis Ende 2011 auf unter 40.000 gesunken. Tendenz: weiter fallend, so Lühning. So hätten in der Samtgemeinde Selsingen 57% der Bevölkerung keinen Nahversorger im Ort und müssten zum Einkaufen mit dem Auto zum nächsten Supermarkt fahren. Was das für die zurückgelegten Einkaufwege bedeutet, machte Lühning mit Zahlen deutlich: Sind im Jahr 1970 bundesweit noch zwei Millionen Kilometer zwecks Einkauf zurückgelegt worden, stieg die Zahl bis Ende 2011 auf über 44 Millionen Kilometer - am Tag! Das eigentliche Problem sei aber nicht die Fahrerei: Generell führe das Sterben der dörflichen Nahversorger letztendlich zu einem Verlust der Eigenständigkeit der Dörfer, denn neben den Kindergärten und Schulen seien die Nahversorger eine wichtige Säule für die Lebensfähigkeit der Orte. Ohne diese Einrichtungen würden die Dörfer für junge Menschen und Familien unattraktiv, es drohe in großem Maße eine Bevölkerungsabwanderung aus den Dörfern und für die älteren Bürger bedeute der Verlust der Nahversorgung gleichzeitig den Verlust eines großen Maßes an Unabhängigkeit im Alter!

Wie ist Otersen diesem Problem begegnet? Günter Lühning machte klar, dass man nicht auf Hilfe von „oben” zu warten brauche. Die Bürgerinnen und Bürger müssen die Sache selbst in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass ihr Ort lebenswert bleibt. Die Otersener hätten dies mit der Gründung eines Dorfladenvereins versucht und bislang erfolgreich geschafft. Mit einem Anteilsscheinsystem konnten bei Gründung des Dorfladenvereins im Jahr 2001 gut 60 Mitglieder genügend Kapital aufbringen, um das Projekt zu starten. Mittlerweile habe der Dorfladenverein über 130 Mitglieder und nennt ein neues Gebäude samt Café und Mietwohnung sein eigen, die Einwohnerzahl Otersens habe nahezu den alten Stand wieder erreicht!

Neben der breiten Bürgerbeteiligung sei allerdings auch das Kaufmännische von großer Bedeutung, denn ein Dorfladen dürfe nicht darauf bauen, dass die Bürger in ihm aus Sympathie und Mitleid kaufen: Vor einigen Jahren waren die Otersener in finanzielle Bedrängnis geraten, weil der damalige Lebensmittellieferant mit seinen Preisen und mit seinem Sortiment die Konkurrenzfähigkeit der Otersener gefährdete. Erst mit einem Wechsel des Lieferanten konnten ein Kurswechsel herbeigeführt und wieder schwarze Zahlen geschrieben werden. Dieser Lieferant wäre auch bereit, fügte Lühning hinzu, den Rhader Dorfladen zu beliefern. Dass die Otersener es mit ihren Sonderangebotspreisen jetzt sogar mit großen Supermarktketten und Discounter aufnehmen können, machte er an eindruckvollen Beispielen deutlich. Letztendlich müssten also die Umsätze stimmen, d.h. die Größe des Wohnortes und der Einzugsbereich des Dorfladens müssen ausreichen, um den Dorfladen am Leben zu erhalten.
Alle wichtigen Faktoren seien in Rhade eigentlich gegeben: Das Engagement der Bürger sei anscheinend vorhanden, der Lieferant, der Otersen beliefert, habe sich bereit erklärt, auch Rhade zu beliefern, ein Gebäude sei vorhanden und die Gemeinde Rhade habe grundsätzlich auch eine ausreichende Größe. Jetzt komme es nur darauf an, dass die Bürger mitziehen, denn ohne deren Einsatz und Engagement laufe gar nichts.

Schließlich brachte Lühning abschließend die Bedingungen für ein Gelingen mit einer einprägsamen Formel auf den Punkt: U x V x F > W (U=Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Zustand, „Leidensdruck“; V = Vision, attraktives Bild der Zukunft; F = Fahrplan, erste Schritte in Richtung des angestrebten Wandels. Diese 3 Voraussetzungen müssen größer sein als W = Widerstand, d.h. „Innerer Schweinehund“).

Thomas Czekalla sprach nach Günter Lühning und unterstrich, dass schon sehr viel gute Vorarbeit von den Jägerhaus-Aktiven geleistet worden sei und wir uns alle auf einem guten Weg befinden. Er teilte mit, das der Gemeinderat beschlossen habe, die Initiative weiterhin zu unterstützen, indem die Gemeinde Rhade die Trägerschaft für das Jägerhaus übernehme und sich für Fördermittel einsetzen werde. „Aber ich betone”, so Czekalla, „die Trägerschaft - nicht die Betreiberschaft! Betreiber müssen die Bürger in Form eines Vereines sein. Weder die Initiativgruppe noch die Gemeinde Rhade können dies leisten! Dieses Projekt klappt nur, wenn die Bürger sich engagieren!” Ob eine Förderung mit öffentlichen Geldern möglich sei, werde sich vielleicht schon am kommenden Donnerstag während einer Ortsbesichtigung im Rahmen des Dorferneuerungsprogramms zeigen. (s. auch ZZ vom 15.05.2013)

Schließlich stellte Horst Schäfer weitere Pläne hinsichtlich der Vorgehensweise und ein mögliches Finanzierungskonzept für das Rhader Dorfladenprojekt vor: Jeder Bürger solle sich beteiligen können und darum dürfe der Kaufpreis für die Anteilsscheine nicht zu hoch sein! Horst Schäfer schlug vor, den Preis für einen Anteil auf 250,- Euro festzulegen. Die Bürgerinnen und Bürger könnten dann einen oder mehrere Anteile kaufen, je nach persönlicher Finanzlage. Das Stimmrecht innerhalb des Vereins sei an die Anteilsscheine gekoppelt, allerdings sollte dies gedeckelt werden, um den Einfluss großer Anteilseigner zu begrenzen. Auf diese Weise sollte es durchaus realistisch sein, das notwendige Eigenkapital für den Verein zu sammeln.

Insgesamt sind also alle Weichen gestellt, wir müssen uns also nur noch auf den Weg machen und das „W” in den Griff bekommen!

 

Zur Bürgerversammlung und den Besuch Günter Lühnings s. auch Artikel in der ZZ vom 15.05.2013.