Besuch in Otersen (02.03.2013)

Besuch in Otersen (02.03.2013)

 

Ein Dorfladen in Rhade? Um die Machbarkeit dieser Idee zu prüfen, machten sich 28 Rhader auf den Weg nach Otersen. Dort wollte sie den Dorfladen besichtigen und Informationen über dessen Gründung und Betrieb erhalten. Freundlich wurden sie empfangen und mit Getränken und belegten Brötchen bewirtet, während sie gespannt dem Vortrag von Günter Lühning, dem Vorsitzenden des Otersener Dorfladen-Vereins, folgten.

 

Die Entwicklung auf den Dörfern ist offensichtlich und jedem bekannt: Gasthöfe und Dorfläden schließen, die Dörfer drohen zu reinen Wohn- und Schlaforten zu veröden, während Zahl der Supermärkte in den Grundzentren kaum noch zu überschauen ist. Gab es 1970 noch über 160.000 Nahversorger in den Dörfern, sei deren Zahl bis Ende 2011 auf unter 40.000 gesunken. Tendenz: weiter fallend, so Lühning. So hätten in der Samtgemeinde Selsingen 57% der Bevölkerung keinen Nahversorger im Ort und müssten zum Einkaufen mit dem Auto zum nächsten Supermarkt fahren. Was das für die zurückgelegten Einkaufwege bedeutet, machte Lühning mit Zahlen deutlich: Sind im Jahr 1970 bundesweit noch zwei Millionen Kilometer zwecks Einkauf zurückgelegt worden, stieg die Zahl bis Ende 2011 auf über 44 Millionen Kilometer - am Tag!


Dieser Entwicklung müsse begegnet werden, meinte Günter Lühning, denn abgesehen von den unnötigen Kosten und Umweltbelastungen, die diese Einkaufsfahrten mit sich bringen, habe der Verlust der Nahversorger den Verlust von Eigenständigkeit der Dörfer zur Folge. Neben den Kindergärten und Schulen seien die Nahversorger eine wichtige Säule für die Lebensfähigkeit der Orte. Ohne diese Einrichtungen würden die Dörfer für junge Menschen und Familien unattraktiv, es drohe Abwanderung und damit Einwohnerverlust. Ältere Bürger verlieren mit dem örtlichen Nahversorger ein großes Maß an Unabhängigkeit.

Dabei helfe es aber nichts, nur zu jammern, sondern die Dorfbewohner müssten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Dass das durchaus mit Anstrengungen und Problemen verbunden ist, müsse allen Bürgern klar sein. So hätten auch die Otersener Schwierigkeiten und er als Vorsitzender des Dorfladen-Vereins manch schlaflose Nacht gehabt, aber letztendlich habe sich der Einsatz wohl gelohnt, meinte Lühning nicht ohne berechtigten Stolz. Und nicht nur der Dorfladen in Otersen habe es geschafft: Von 100 gegründeten Dorfläden hätten 97 bisher überlebt - eine erstaunliche Erfolgsbilanz!

Aber wie sieht es in Otersen aus? Otersen ist ein kleines Dorf mit 528 Einwohnern, die Dorfläden hatten geschlossen, zum Einkaufen musste in die nächsten Grundzentren gefahren werden. Die Situation ähnelte also der bei uns in Rhade. Die Otersener reagierten darauf mit der Gründung eines sogenannten wirtschaftlichen Vereins, der als Träger eines Dorfladens dienen sollte. Die Bürgerinnen und Bürger können sich einen oder mehrere Anteile an diesem Verein erwerben, an die Anteilscheine ist das Stimmrecht bei Versammlungen geknüpft. Der Verein ist Eigentümer des Dorfladens samt Gebäude und des angegliederten „Aller-Cafés”. Oben im Gebäude befindet sich noch eine Wohnung, die der Verein vermietet. Der Dorfladen (eigentlich muss man von einem kleinen Supermarkt sprechen) hat eine Fläche von 180 qm, das Café hat noch einmal 70 qm.

 

Die Angebotsbreite des Dorfladens ist überraschend groß: ob Zeitschriften, Hygieneartikel, Waschmittel, Backwaren, Getränke, Süßwaren, Konserven, Tiefkühlkost, Obst und Gemüse bis hin zu Produkten aus der heimischen Region - es ist alles vorhanden, was man in einem Supermarkt zu finden erwartet! Erstaunlich ist auch die Tiefe des Sortiments: Es gibt nicht nur jeweils ein Produkt von einem einzigen Hersteller, sondern der Kunde kann zwischen verschiedenen Marken wählen. Am verblüffendsten aber sind die Preise: Sie bewegen sich auf Supermarktniveau! Ein sogenannter Warenkorb in Otersen ist nicht teurer als der Warenkorb eines Discounters! Ermöglicht wird das aber nicht durch eine geminderte Qualität, sondern durch den Einkauf und die nicht gewinnorientierte Ausrichtung des Vereins. Wenn jetzt noch das Benzin und die Zeit für die Fahrt zum Supermarkt in der nächsten Kleinstadt eingerechnet werden, schneidet der Dorfladen im Grunde konkurrenzlos günstig ab!

Neben dem Dorfladen betreibt der Dorfladenverein noch das „Aller-Café”, das mit dem Laden direkt verbunden ist. Diese Café dient als Treffpunkt für Jung und Alt, steht für Feiern zur Verfügung, und jeden Freitag sei „Suppentag” - ein Angebot, das von vielen Otensenern gerne angenommen werde. Und so verwies Günter Lühning eindringlich auch auf ganz andere Effekte des Dorfladens: Er diene als Treffpunkt der Kommunikation, stärke durch das gemeinsame Engagement die Dorfgemeinschaft und belebe den Ort.



Wichtig für den Erfolg eines solchen Projektes wie in Otensen sei eine breite Beteiligung der Bürger. Es sollten so viele Bürger wie möglich mitgenommen werden, denn allen müsse klar sein: „ Wer mit 40 Jahren den Laden nicht schätzt, darf sich nicht beklagen, wenn er mit 70 keinen hat!” Mit diesen Worten schloss Günter Lühning seinen Vortrag und führte die Rhader durch den Dorfladen. Nach der Führung nutzten die Rhader die Gelegenheit natürlich - zu einem Einkauf! (fb)

 

Mehr über den Besuch der Rhader in Otersen findet Ihr auf der Dorfladennetzwerkseite. Fotos von dem Besuch findet Ihr in der Fotogalerie. Sehr interessant: "Von Otersen lernen!" - Bericht im Weserkurier über Otersen hier.