Aufwind nach Schlecker-Pleite - Die Renaissance der Dorfläden (Focus)

Aufwind nach Schlecker-Pleite - Die Renaissance der Dorfläden (Focus)

Aufwind nach Schlecker-Pleite - Die Renaissance der Dorfläden

Sie schaffen Einkaufsmöglichkeiten im Ort und sorgen für ein neues „Wir-Gefühl“ – derzeit erleben von Bürgern betriebene Dorfläden einen Boom. Für Rückenwind sorgt die Schlecker-Pleite – in vielen Orten war der Drogeriemarkt der letzte Laden.
Es war ein Ladensterben auf Raten: Erst machte der Bäcker dicht, bald darauf gab der Metzger auf. Vor zehn Jahren sperrte schließlich auch der Tante-Emma-Laden für immer zu. Wer seinen Kühlschrank füllen wollte, war in Simonshofen bei Nürnberg auf die Geschäfte im fünf Kilometer entfernten Lauf an der Pegnitz angewiesen – ohne Auto ging nichts.

Inzwischen können die Simonshofer ihre Einkäufe wieder zu Fuß erledigen. Möglich macht das seit zwei Jahren ein Dorfladen – gegründet und betrieben von den Bewohnern des Laufer Stadtteils mit seinen 700 Einwohnern. Mit dem auf regionale Produkte spezialisierten Lebensmittelgeschäft hat der Ort zugleich einen neuen Mittelpunkt erhalten. Und Simonshofen ist kein Einzelfall.

Dorfläden in verschiedenen Organisationsformen möglich
Bundesweit schätzt der Kieler Einzelhandelsexperte Martin Schramm von der BBE Handelsberatung die Zahl der Dorfläden auf mehrere Hundert. Genaue Statistiken gebe es allerdings nicht. Die Organisationsformen seien dabei sehr unterschiedlich. Sie reichten von genossenschaftlichen Läden in Bayern bis zu Geschäften in gemischter Trägerschaft. So würden etwa die 29 sogenannten „Markttreff“-Läden in Schleswig-Holstein von den Kommunen zusammen mit Bürgern betrieben.

Ob im Süden oder ganz im Norden der Republik – Dorfladenberater spüren derzeit einen deutlichen Aufwind. Allein von Mai bis Ende Juli haben in Bayern sechs Dorfläden eröffnet, berichtet Einzelhandelsberater Wolfgang Gröll. 50 seien derzeit in Vorbereitung. Einen Grund für den aktuellen Dorfladen-Boom sieht Gröll in der Pleite der Drogeriemarktkette Schlecker. „Der hat in vielen kleinen Ortschaften wenigstens einen Teil der Nahversorgung gesichert. Das fällt jetzt weg.“

Dorfläden sind wirtschaftlich stabil
Das kann auch Schramm bestätigen, der die „Markttreffs“ in Schleswig-Holstein dabei unterstützt, betriebswirtschaftlich auf einen grünen Zweig zu kommen. „10 Marktreffs sind derzeit in Planung“, berichtet er. Von den derzeit 29 Läden sehe es derzeit nur bei drei in wirtschaftlicher Hinsicht kritisch aus. Ansätze für Dorfläden gibt es nach Schramms Erkenntnis derzeit in vielen Bundesländern, etwa in Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Hessen.

Lange Zeit hatte die Dorfladen-Bewegung ein Schattendasein geführt. Das lag nach Grölls Ansicht auch daran, dass sich viele Menschen nicht vorstellen konnten, dass ein von Bürgern getragenes Geschäft dauerhaft funktioniert. Das Vorurteil, Dorfläden hielten nie lange durch, ist nach seiner Erfahrung genauso falsch wie die Behauptung, die genossenschaftlich geführten Bürgerläden seien teurer als klassische Supermärkte. „Mehr als 90 Prozent der in den vergangenen 15 Jahren gegründeten Dorfläden existieren noch“, berichtet Gröll.

Pluspunkt: Produkte aus der Region
Auf gutem Weg ist inzwischen der Dorfladen in Simonshofen. „Der Laden läuft gut“, erzählt Waltraud Orth. Sie ist Mitglied im dreiköpfigen Vorstand der „Dorfmarkt“-Genossenschaft. An manchen Tagen hat der Markt mehr als 200 Kunden. Was den Laden besonders attraktiv macht: Er bietet mehr als 50 Produkte von Erzeugern aus der Region an. Der Jahresumsatz des in einem früheren Kuhstall untergebrachten „Dorfmarktes“ lag zuletzt bei 30 000 Euro. „In diesem Jahr dürften wir auf einen kleinen Gewinn kommen“, schätzt Orth.

Der konventionelle Einzelhandel sieht die Entstehung neuer Dorfläden keineswegs als Konkurrenz an. „Wir sehen, dass wir durch Landflucht und die demografische Entwicklung die Nahversorgung auf dem Land neu organisieren müssen“, sagt der Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Kai Falk. Die Gründung eines Dorfladens sei hier ein wichtiger Schritt. Der HDE in Bayern sieht das ganz ähnlich, warnt aber zugleich vor zu viel „Sozialromantik“: „Das Ganze muss gut durchgerechnet werden“, gibt der HDE-Chef in Bayern, Bernd Ohlmann, zu bedenken. „Alles steht und fällt mit den Kunden.“ Focus, 09.08.2012, slc/dpa