Auf bis zu 30 Flüchtlinge einstellen - ZZ 25.09.2015


 

Auf bis zu 30 Flüchtlinge einstellen

Gebäude im Rhader Ortskern dient als Unterkunft


VON LUTZ HILKEN

RHADE. Ein kleiner Helferkreis kümmert sich in Rhade seit Monaten um Flüchtlinge im Ort. Nun beabsichtigt die Samtgemeinde Selsingen, ab Mitte Oktober das ehemalige „Hotel zur Post" im Ortskern anzumieten und dort bis zu 30 weitere Flüchtlinge unterzubringen. „Das ist für eine kleine Gemeinde eine ganze Menge", bekannte Samtgemeindebürgermeister Hans-Hinrich Pape. Darum informierte die Verwaltung am Mittwochabend die vielen interessierten Bürger in der Aula der Grundschule.
Der Zustrom von Flüchtlingen aus vielen Ländern der Erde halte unvermindert an, verteilt von Bund und Ländern an die Kommunen, erläuterte Hans-Hinrich Pape. Ungeachtet der politischen Lage habe die Samtgemeinde die Aufgabe, die ihr zugewiesenen Flüchtlinge unterzubringen.
Dafür benötige sie Wohnungen und sei dankbar für jedes Angebot. Aktuell habe sie 17 Wohnungen angemietet und 86 Flüchtlinge in verschiedenen Orten untergebracht. 48 weitere stünden quasi auf der Warteliste. 2016 habe er dabei noch nicht einmal im Blick, verdeutlichte der Redner.
„Sie sprechen unsere Sprache nicht, kennen unser Leben nicht, kennen unsere Regeln nicht.“ Darum müsse es Menschen geben, die die Flüchtlinge an die Hand nehmen. „Der Druck auf die Kommunen wird größer“, sagte Pape, daher sei er dankbar über den „Runden Tisch Asyl“ in Selsingen, bei dem sich viele freiwillige Helfer für eine strukturierte ehrenamtliche Unterstützung von Flüchtlingen gemeldet haben. Das wünsche er sich auch in Rhade: „Wir brauchen Ihre Hilfe.“

 


Weitere Helfer nötig
Speziell bezog er sich auf die bis zu 30 zu erwartenden Flüchtlinge, die ab etwa Ende Oktober im Ortskern eine Unterkunft finden sollen, und zwar in einem möblierten Hotelgebäude. Die Frage laute: „Wie können wir das bewältigen?“ Sehr wahrscheinlich werde es sich bei den Menschen um Familien aus den Balkanstaaten handeln. Dabei machte Pape deutlich, für Selsingen seien bereits Container-Unterkünfte im Gespräch. „Wenn es uns nicht gelingt, die Menschen einigermaßen unterzubringen, müssen wir an Dorfgemeinschaftshäuser und Turnhallen denken. Das will ich nicht.“ Deutschland sei ein gutes und reiches Land, es gelte die Flüchtlinge menschenwürdig zu behandeln. Für ein gelingendes Zusammenleben müssten die hier geltenden Regeln natürlich für alle Beteiligten gelten.

Ordnungsamtsleiterin Antje Voß verwies auf bereits bestehende Helferkreise, ohne deren Unterstützung so manches wohl schon „gegen die Wand gefahren“ wäre. Was die Flüchtlinge selbst betrifft, so sei ihr bis auf eine Ausnahme bisher niemand unangenehm aufgefallen. Die Hilfe von Ehrenamtlichen sei großartig und das Miteinander funktioniere nur, „wenn Sie mit uns an einem Strang ziehen“. Der seit gestern im Dienst befindliche hauptamtliche Flüchtlingsbetreuer der Samtgemeinde, Ralph Wohlberg, werde in Rhade regelmäßig, wohl täglich vor Ort sein, hieß es.
Die Verwaltungsmitarbeiter waren aber auch in Rhade, um sich Sorgen und mögliche Bedenken der Einwohner anzuhören. Ein Bürger mahnte, ein Hotel sei nicht für ein dauerhaftes Wohnen ausgelegt. „Da kann man nicht 30 Personen einpferchen.“ Was Antje Voß entkräftete: Die meisten Zimmer seien sehr groß, außerdem gebe es einen Gemeinschaftsraum und mehr. In Containern sei es enger, relativierte Pape. Auch Versicherungsfragen beschäftigte die Bürger.
Dieter Spreckels vom Rhader Helferkreis warnte, schon jetzt fühle er sich „manchmal überfordert“ bei der Unterstützung von Flüchtlingen. Mit 30 weiteren „überfordern Sie unser Dorf und die ehrenamtlichen Helfer“. Es sei denn, dass sich weitere Freiwillige finden ließen. „Wenn sich hier 20 Leute melden, dann haben wir wenig Probleme.“ Denn die Flüchtlinge müssten vernünftig betreut und an die Hand genommen werden.
So kamen die Beteiligten zu dem Ergebnis, bis Mitte Oktober einen vertiefenden „runden Tisch“ in Rhade zu veranstalten, um themenstrukturiert die Möglichkeiten einer Unterstützung im Ort zu erörtern. Mit dem Ziel, eine gute Nachbarschaft aufzubauen.
 

MEINE MEINUNG - LUTZ HILKEN
Miteinander hilft allen
Eine Portion Skepsis ist durchaus vorhanden in Rhade. Sie ist auf den ersten Blick auch nachvollziehbar angesichts des Vorhabens, Flüchtlinge zentral und relativ geballt in einem kleinen Ort unterbringen zu wollen. Die meisten Einwohner brachten ihre Bedenken sachlich und ohne Polemik vor. Das macht Mut. Denn jeder weiß, dass es weder ein Patentrezept noch zahllose Alternativen für die Unterbringung von Flüchtlingen gibt. Was die Bürger aber selbst in der Hand haben, das ist die Chance, guten Willen zu zeigen. Für ein freundliches und gelingendes Miteinander. Wer das möchte, der kann die Augen vor den Herausforderungen dieser Zeit nicht mehr verschließen. ZZ 25.09.2015