Rat besiegelt Aus für Dorftreff

06.10.2020 00:00

Gemeinde Rhade stellt keinen Förderantrag für den Umbau des ehemaligen „Jägerhauses“

Von Thorsten Kratzmann, Rhade. Das ist ein Paukenschlag. Das Vorhaben, das „Jägerhaus“ in Rhade zu einem Dorfgemeinschaftshaus umzubauen, hat der Rat der Gemeinde Rhade am Freitag beerdigt. Die mit einem Umbau zum Dorftreff einhergehenden Haushaltsrisiken haben eine Mehrheit der  Ratsmitglieder bewogen, die Notbremse zu ziehen.

Weil sie mehrheitlich fürchten, die Kosten für Sanierung und dem Umbau der ehemaligen Gaststätte in der Ortsmitte könnten aus dem Ruder laufen, haben die Ratsmitglieder während der jüngsten Sitzung am Freitag eine Vollbremsung hingelegt und das Projekt Dorftreff gestoppt.Foto Hilken

 

Etwa zehn Zuhörer hatten sich am Freitagnachmittag im Saal des ehemaligen „Jägerhauses“ eingefunden, um sich über den Fortgang der Dorftreff-Planung zu informieren. Viele der Gäste wie auch der Ratsmitglieder legten ihre Jacken gar nicht erst ab oder streiften sie alsbald wieder über. Dass ihnen die Kälte in die Glieder kroch, lag nicht etwa an der Atmosphäre, sondern an den ausgekühlten Räumlichkeiten.

Die Einführung in das Thema übernahm Ratsherr Olaf Wendelken. Er hatte einen aktualisierten Plan für den Umbau der ehemaligen Gastwirtschaft von Architekt Martin Menzel erhalten. Laut dessen Kalkulation steigen die Baukosten auf rund 830 000 Euro – wiederum, dann zunächst war von 520 000 Euro die Rede gewesen, dann von 670 000 Euro. Abzüglich der Eigenleistungen im Wert von rund 70 000 Euro reiße die aktuelle Berechnung die die Obergrenze für die Förderung aus Mitteln der Verbunddorferneuerung, ergänzte Wendelken. Das zuständige Amt für regionale Landesentwicklung (ArL) hat maximal 500 000 Euro in Aussicht gestellt. Ratsherr Wendelken schlug dem Rat daher vor, die für die Gestaltung der Außenanlagen ausgewiesene Summe von 75 000 Euro aus den bis zum 15. Oktober beim ArL einzureichenden Antragsunterlagen zu streichen und dafür 2021 einen Folgeantrag auf Förderung zu stellen. Nach der Antragstellung bleibe ausreichend Zeit, um die Planung des Architekten zu überarbeiten und die Baukosten zu senken.

Mit Kritik am Architekten eröffnete Ratsherr Uwe Schmidt die Aussprache. Im Planentwurf sei weder die Sanierung der Toiletten noch die Herstellung von  Barrierefreiheit berücksichtigt. Ebenso die Wünsche des Rates bezüglich des Einbaus von Fenstern. Schmidts Fazit lautete denn auch: „Ich habe Angst, dass uns das aus dem Ruder läuft.“

Auf Dorfladen konzentrieren

Ins gleiche Horn stieß Ratsfrau Raphaela Vink. Sie werde einer Antragstellung auf Basis der vorgelegten Planung nicht zustimmen, kündigte sie an. Es gebe mit dem Dorfzentrum in Rhadereistedt und dem „Laus im Löh“ in Rockstedt zwei Dorfgemeinschaftshäuser in der Nähe. Ein drittes Haus sei nicht nötig. Zudem höre sie im Dorf anschwellenden Chorgesang, dessen Refrain lautet: „Steckt da bloß kein Geld mehr rein.“ Der dritte Kritiker unter den Ratsmitgliedern heißt Thomas Brunkhorst. Er stimmte seiner Vorrednerin zu und gab zu bedenken: „Wir haben schon den Dorfladen. Der muss sieben Jahre durchhalten, sonst müssen wir die Förderung zurückzahlen.“

Der stellvertretende Bürgermeister Fred Bollmeier versuchte, das Steuer rumzureißen. Der bis 15. Oktober einzureichende Antrag an das ArL könne später nachgebessert werden – mit dem Ziel, die Kosten zu senken. Werde der Antrag hingegen nicht gestellt, bleibe die Gemeinde auf den bis jetzt aufgelaufenen Ausgaben, zum Beispiel für den Architekten, sitzen. Da das Projekt unter Finanzierungsvorbehalt stehe, könne der Rat die Reißleine auch später ziehen oder einen Änderungsantrag stellen – gegebenenfalls für den Abriss der Gebäude –, ohne die Förderung zu gefährden.

Die Argumente verfingen weder bei Maik Schmidt noch bei Uwe Schmidt. Maik Schmidt fragte: „Was ist mit dem Wohnhaus? Das haben wir dann immer noch an den Hacken.“ Uwe Schmidt erinnerte an die mehrmaligen Kostensteigerungen für das Projekt Dorftreff und prophezeite: „Das wird ein Fass ohne Boden.“ Raphaela Vink verlieh ihrer Befürchtung Ausdruck, „wir landen am Ende bei einer Million Euro. Und das für zehn Leute, die hier im Jahr feiern wollen“. Überdies stehe die Finanzierung des Vorhabens mit der erforderlichen Kreditaufnahme der Gemeinde unter dem Eindruck Corona bedingter Einnahmerisiken. Sie warnte: Ziehe der Rat das Projekt durch, raube er dem in einem Jahr zu wählenden Gemeinderat jeglichen Handlungsspielraum.
Einen neuerlichen Anlauf, um die Kritiker umzustimmen, unternahm Helmut Plötz. Der Dorftreff sei vor zehn Jahren das Ankerprojekt für die Dorferneuerung gewesen. „Und die letzten Jahre haben gezeigt, dass wir den Saal brauchen.“ Er lenkte den Blick seiner Ratskollegen auf den zu erwartenden Zuschuss von 500 000 Euro. „Das ist eine einmalige Gelegenheit“, betonte Plötz.

Es half nichts. Gegen die Stimmen von Bürgermeister Marco Mohrmann, Fred Bollmeier, Olaf Wendelken und Helmut Plötz votierte die Mehrheit der Ratsmitglieder dafür, keinen Förderantrag für das Projekt Dorftreff an das ArL zu schicken.

 

ZZ vom 6.10.2020