Projekt für mehr Artenvielfalt,

19.08.2020 00:00

„Neuer Lebensraum in Sand, Moor und Heide“: Ergebnis der Arbeiten im Rhader Königsmoor präsentiert

Von Lutz Hilken Rhade.

Mehr Artenvielfalt im Rhader Königsmoor: Das ist das Ziel eines Naturschutzprojektes am dortigen Baggersee. Motto: „Neuer Lebensraum in Sand, Moor und Heide.“ Landschaftsökologin Sarina Pils von der Ökologischen NABU-Station Oste-Region stellte die Maßnahme am Montagabend rund 40 interessierten Bürgern vor. Von dort gab es nicht nur Applaus, sondern zum Teil auch massive Kritik.

Landschaftsökologin Sarina Pils (vorne links) erläutert interessierten Bürgern aus Rhade das Naturschutzprojekt am Baggersee. Foto Hilken

Das Naturschutzprojekt haben die Rhader aus der jüngsten Teilnahme am Kreiswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ heraus entwickelt.
Hier ist Sarina Pils beratendes Mitglied des entsprechenden Kreisausschusses. In mehreren Etappen sind die Ideen für mehr Artenvielfalt umgesetzt worden. Gemeinderatsherr Olaf Wendelken, der das von der niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung und dem Landkreis Rotenburg mit insgesamt rund 25 000 Euro geförderte Projekt maßgeblich mit begleitet hat, hieß am Baggersee viele Einwohner willkommen. Hier sahen die Besucher das Ergebnis der Arbeiten, die zum Teil in Gemeinschaft mit Jägern, Feuerwehr, Landjugend, Bürgern, der NABU-Station und in enger Abstimmung mit der Naturschutzbehörde des Landkreises realisiert worden sind. Das Rhader Projektgebiet liegt im Naturschutzgebiet Huvenhoopsmoor, das rund 1373 Hektar groß ist, wie Olaf Wendelken berichtete. Auf die Gemarkung Rhade entfallen seinen Worten zufolge 22 Hektar, das gemeindliche Grundstück habe eine Fläche von 3,1 Hektar. Davon nehme der Baggersee etwa 2500 Quadratmeter ein. Der diene dazu, in Dürrezeiten Löschwasser für Moorbrände zur Verfügung zu haben. Landschaftsökologin Sarina Pils erinnerte: „Früher sollen hier Uferschwalben gewesen sein.“ Das Gewässer sei vor dem Projekt
dunkel und eingewachsen gewesen. Am Anfang habe also die Frage gestanden, was sich aus dem Gebiet machen lasse. Es sei zwar „ein recht langer Weg“ gewesen, aber aus ihrer Sicht sei „ein schönes Gemeinschaftsprojekt“ daraus geworden.

Zeit zum Entwickeln
Entstanden sei ein Biotop, das für Uferschwalben ebenso geeignet sei wie für Sandbewohner, etwa Wildbienen, oder gar den Eisvogel, die solche Bedingungen immer seltener vorfänden. Es brauche Zeit, bis sich das Leben entwickelt, räumte die Rednerin ein. Und zugleich müsse man darauf achten,
dass nicht alles wieder zuwächst, denn dann verschwänden die Arten wieder, die sich hier nun ansiedeln sollen und zum Teil schon da sind.

Mit der Öffnung des Geländes, dem Freistellen des Baggersees, der naturnahen Ufergestaltung, dem Nacharbeiten der Steilwand für Uferschwalben und Wildbienen, dem Abschieben von Offenbodenstellen, dem Beseitigen eines Fichtenbestandes und dem Abdichten eines Teils der Torfstiche sollen diverse Ziele erreicht werden.

„75 Prozent der Wildbienenarten nisten im offenen und besonnten Boden“, sagte Sarina Pils. Ein solcher Bereich sei geschaffen, vergrößert und auch sogleich angenommen worden. Allein fünf verschiedene Grabwespenarten seien festgestellt worden, womöglich seien es noch mehr. Das Areal sei eine Bereicherung für Wildbienen und schaffe gute Bedingungen für manche Pflanzenarten wie etwa Silbergras. An den Sonnenplätzen könnten sich auch Libellenarten aufwärmen und trocknen. Rund 15 bis 20 Arten seien vor Ort. Reptilien wie die Kreuzotter bräuchten ebenfalls Flächen zum Aufwärmen. Die seien nun dort gegeben, wo es früher dunkel und schattig war, wie die Landschaftsökologin erwähnte.

Erdkröten, Gras- und Teichfrösche – zum Teil bereits nachgewiesen – hoffen die Initiatoren ebenso anzusiedeln wie den Moorfrosch, auf den die Beteiligten noch warten. Auf einem Teil des Projektareals komme langsam die Heide, die immer etwas länger brauche, auch das Ansiedeln anderer Pflanzen wie Torfmoose, Wollgräser, Pfeifengras, Sonnentau und mehr solle gefördert werden. Das gehe nicht von heute auf morgen. „Das sind Prozesse, die ein paar Jahre in Anspruch nehmen.“

Dabei betonte Sarina Pils, die Fläche solle nicht sich selbst überlassen bleiben. „Das würde zuwachsen, wenn wir nichts machen.“ Das könne etwa mit dem Beweiden von Schafen möglich sein. Daran äußerte der Rhader Peter Bösch jedoch seine Zweifel. Dieter Spreckels fragte nach, wer sich um die Nachhaltigkeit kümmere. Für Sarina Pils steht fest: „Es war ein Gemeinschaftsprojekt und es sollte ein Gemeinschaftsprojekt bleiben.“ Es gebe ein Budget für Pflegemaßnahmen, außerdem könnten Fördergelder beantragt werden, etwa für einen Schäfer zum Beweiden. Die Naturschutzbehörde sei weiter mit im Boot. „Es wird gemeinschaftlich weitergehen. Das ist das Ziel“, sagte die Landschaftsökologin und betonte mit Bezug aufs Projektareal: „Wir haben ein Auge drauf.“

Deutliche Kritik
Als vonseiten der Initiatoren alles gesagt war, ergriffen Kritiker das Wort: Einwohner Peter Bösch, der sich als Praktiker bezeichnete, befand: „Für mich ist hier nicht ein Biotop geschaffen, sondern zerstört worden.“ Dass an der Steilwand des Baggersees jemals Uferschwalben brüten, halte er für sehr unwahrscheinlich, da es zum einen keine richtige Steilwand sei und „der kleinste Marder“ an die Bruthöhlen gelangen könne.

Er habe noch keine Uferschwalbe gesichtet und Wildbienen seien schon vorher in dem Gebiet gewesen: „Mehr als jetzt“, monierte er. Darüber merkte er mit Blick auf die angestrebte, auf Nässe angewiesene Vegetation an, das Areal sei „eines der trockensten Moorstücke, das wir haben“. Überdies sei schon so viel Birkensamen im Boden, da brächten Schafe nichts, sondern die Birken müssten herausgezogen werden. An Sarina Pils richtete er den Wunsch: „Hoffentlich haben Sie Recht.“ Aber das glaube er nicht.

Einwohner Klaus-Dieter Schröder äußerte den Eindruck: „70 bis 80 Prozent des Ortes ist schockiert über die Maßnahme.“ Die 25 000 Euro Fördergeld seien seiner Meinung nach aus ideologischen Gründen „versenkt“ worden. „Lassen Sie das doch so wachsen“, appellierte er.

Olaf Wendelken widersprach. Ein Waldstück sei beseitigt worden, um eine offene Fläche zu schaffen: „Hier ist es darum gegangen, Vielfalt zu schaffen.“ Eine Intention: den verschiedensten Insekten Lebensraum zu geben. „Vorher war es besser“, beharrte Peter Bösch auf seinem Standpunkt. Im Übrigen halte er es für einen Widerspruch, dass einerseits ein Naturschutzprojekt realisiert werde, hier andererseits aber eine Bank zum Verweilen einlade und Menschen anlocke.

Letztlich befinde sich das Areal im Gemeindeigentum, erwiderte Wendelken. Das Projekt sei im Gemeinderat besprochen worden und habe eine Dynamik entwickelt. „Ich bin erstaunt gewesen, wie viele Leute mitgemacht haben.“ Nun gelte es, „der Natur Zeit zu geben, um sich zu entwickeln“. Da sei er zuversichtlich und erhielt abschließend Applaus von Teilen der Besucher. Aus den Reihen der Bürger hieß es, man wünsche sich auch von Kritikern sachliche Argumente und es sei nicht richtig, dass 70 bis 80 Prozent der Einwohner gegen das Naturschutzprojekt seien. Die Argumente von Peter Bösch regten jedoch zum Nachdenken an, hieß es. Olaf Wendelken warb um Geduld mit Blick auf die Projektfläche: „Wir schauen mal, wie es sich entwickelt.“


„Vorher war es besser“: Peter Bösch aus Rhade gehört zu den Kritikern des Naturschutzprojektes, das seines Erachtens nach wenig Sinn ergibt.

Ratsherr Olaf Wendelken, der das Naturschutzprojekt maßgeblich mit begleitete, zeigt Bürgern Fotos vom Zustand der Fläche im Rhader Königsmoor, bevor die Projektideen umgesetzt worden sind.

 

Zevener Zeitung vom 19.08.2020