Rückkehr von Tante Emma - Die Renaissance der Dorfläden (FAZ)

Rückkehr von Tante Emma - Die Renaissance der Dorfläden (FAZ)

 

Rückkehr von Tante Emma - Die Renaissance der Dorfläden

Kein Arzt, kein Bäcker, keine Post: Kleine Orte in der ganzen Republik drohen auszusterben. In Jülich-Barmen haben die Einwohner jedoch eine Lösung gefunden. Es geht ihnen um den „sozialen Ertrag“.
Von Britta Beeger, Jülich

Heinz Frey bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt er in Barmen, einem Stadtteil von Jülich am Hang des Rurtals, umgeben von fünf Naturschutzgebieten. Doch als in dem idyllischen Ort mit 1400 Einwohnern nach und nach alle Einzelhändler dichtmachten, als nach den beiden Metzgern, der Bäckerei, mehreren Gaststätten und der Post auch noch die Sparkasse aufgab, da reichte es Frey: „Unser Dorf war so gut wie ausgestorben.“

So weit wollte der 57 Jahre alte Gymnasiallehrer es jedoch nicht kommen lassen. Also ergriff er selbst die Initiative, trommelte Freunde aus dem Dorf und dem Stadtrat zusammen und entwickelte mit ihnen ein Konzept für einen kleinen Laden. Zu fünft zogen sie von Haustür zu Haustür, befragten die Einwohner, welche Angebote sie sich für einen solchen Laden wünschten und ob sie sich selbst mit einbringen würden. Drei Jahre später, im Jahr 2006, stand das Konzept: An der Kirchstraße, der größten im Ort, steht seitdem das Dorv-Zentrum.
„Uns geht es nicht ums Geld“

Was sich auf den ersten Blick wie ein Rechtschreibfehler liest, steht für „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“ - und ist mehr als nur ein Supermarkt. In dem unscheinbaren Backsteinbau bekommen die Barmener auf 150 Quadratmetern frisches Fleisch und frische Brötchen, sie können Briefmarken kaufen, Geld abheben, Pakete aufgeben und ihr Auto anmelden. Zudem gibt es ein kleines Café und eine Arztpraxis, die einmal in der Woche ein Arzt aus dem Nachbarort betreibt. Rechtlich firmiert das Geschäft als GmbH und erreicht eine schwarze Null - mehr will der ehrenamtliche Geschäftsführer Frey auch gar nicht: „Uns geht es nicht ums Geld. Der soziale Ertrag ist unser Profit.“

Wie die Barmener nehmen überall in Deutschland Bürger ihre Nahversorgung selbst in die Hand, wenn ihre Dörfer auszusterben drohen. „In vielen Orten ist mit den Händlern auch die soziale Mitte verlorengegangen“, sagt Claudia Neu, Soziologin an der Hochschule Niederrhein, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. „Dorfläden können darauf eine Antwort geben.“ Rund 200 solcher Initiativen gibt es in Deutschland insgesamt, schätzen Fachleute, bisher vor allem in Süddeutschland. Aber auch in Otersen, einem Dorf in Niedersachsen mit 500 Einwohnern, haben die Bürger in einem alten Fachwerkhaus einen Dorfladen mit einem kleinen Café gegründet. In ländlichen Gemeinden in Schleswig-Holstein sind mit Unterstützung des Ministeriums für ländliche Räume inzwischen insgesamt 29 sogenannte Markttreffs entstanden, 13 weitere sind in Planung. Hier stammen die Idee und das Konzept aus dem Ministerium. Aus Mitteln der Europäischen Union und des Bundes für die ländliche Entwicklung schießt es auch eine Anschubförderung zu und übernimmt so bis zu 55 Prozent der Investitionskosten, etwa für den Bau und Umbau des Hauses, in dem der Dorfladen entstehen soll.

Auch Barmen hat bei der Stadt, dem Kreis und dem Land um finanzielle Unterstützung geworben, um eine Starthilfe - keine dauerhafte Subvention des Betriebs, wie Frey betont. Frey, randlose Brille, gestreiftes Hemd, grauer Bart, sitzt in dem kleinen Café des Dorv-Zentrums und erzählt von seinen ernüchternden Gesprächen mit Politikern und Banken. In Nordrhein-Westfalen gab es damals noch nicht die nötigen Richtlinien, um Nahversorgungsprojekte aus EU-Mitteln zu fördern. Und die Banken wollten für das Projekt keinen Kredit geben. „Niemand hat an unsere Idee geglaubt, Fleisch und Kfz-Kennzeichen an der gleichen Theke zu verkaufen.“ Also mussten die Barmener das Startkapital für ihren Dorfladen selbst aufbringen. Sie gründeten einen Verein, der wiederum eine GbR und die GmbH beauftragt. Und sie kauften Anteilsscheine für jeweils 250 Euro, insgesamt im Wert von 75.000 Euro. Aus einem Existenzgründungsdarlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau kamen weitere 35.000 Euro.
Geld abheben und Wurst kaufen

Eine Rendite bekommen die Barmener Bürger nicht. Dafür aber regionale Produkte. Dorfläden funktionieren auch deshalb, weil sie eine Sehnsucht nach Regionalem und Nachhaltigkeit bedienen, sagt die Soziologin Neu. „Wir erleben gerade eine Idealisierung des Ländlichen.“ Das weiß man auch in Barmen. „Was wir regional kriegen können, besorgen wir auch regional“, sagt Frey. Das Fleisch kommt vom Metzger aus dem Nachbarort, auch die Teilchen liefert ein Bäcker aus der Region. Zwei Festangestellte und sechs 400-Euro-Kräfte verkaufen die Waren. Konkurrenz für andere Supermärkte wollen die Barmener mit ihrem Dorfladen aber nicht sein. „Im Umkreis von 20 Kilometern kann man mit dem Auto alles erreichen, was man braucht“, sagt Georg Schmitz, der das Dorv-Zentrum mit aufgebaut hat. „Wir setzen mehr auf den Mitnahme-Effekt: Wer abends Geld abhebt, kauft auch noch schnell ein Brot oder Wurst.“ Dass es diese Möglichkeit gibt, dass die Einwohner mit einem kurzen Fußweg alles bekommen können, was sie brauchen, ist für Schmitz eine Frage der Lebensqualität.

Diese Lebensqualität wollen auch andere Dörfer wieder erreichen. Weil der Erfolg des Barmener Konzepts sich inzwischen herumgesprochen hat, reist Frey mit seinem Stadtplaner Jürgen Spelthann durch ganz Deutschland und berät für ein Honorar von 5000 Euro andere Orte, die einen Dorfladen eröffnen wollen. Sechs Dorv-Zentren gibt es inzwischen, rund 30 weitere sind in Planung - alle mit einem individuellen Konzept. „Jeder Standort ist anders“, sagt Frey. „Deshalb ist es wichtig, dass man zusammen mit den Bürgern überlegt, was sie brauchen.“

Die Idee funktioniert jedoch nicht immer. In Ostdeutschland setzten sich Dorfläden beispielsweise nur sehr zögerlich durch, sagt Neu. Zum einen seien die geographischen Bedingungen schwieriger, weil selbst in kleinen Orten die einzelnen Ortsteile oft sehr weit auseinanderlägen. Auch das Engagement der Bürger sei zuweilen nicht so groß wie nötig. „Die kritische Masse, die man braucht, um einen Dorfladen zu errichten, wird dort oft unterschritten.“ Auch in Barmen erinnern Frey und die Mitgründer des Dorf-Zentrums die Einwohner deshalb immer wieder daran, wie wichtig es ist, dass sie den Laden unterstützen. „Nur wenn sie bei uns einkaufen“, sagt Frey, „kann das Dorv-Zentrum auf Dauer überleben.“

Quelle: F.A.Z., 26.09.2012