Lebensqualität als Rendite - Günter Lühning besucht Bürgerversammlung. ZZ 15.05.2013

Lebensqualität als Rendite - Günter Lühning besucht Bürgerversammlung. ZZ 15.05.2013

Lebensqualität als Rendite

 

Rhade/Rhadereistedt. Einen Einkaufsladen und einen Dorf-Treff zu kombinieren, das schwebt dem Arbeitskreis „Zukunft für Rhade“ vor. Und zwar im ehemaligen Gasthof „Jägerhaus“. Wie dieses ambitionierte Vorhaben gelingen könnte, erfuhren die weit mehr als 100 Besucher einer Bürgerversammlung am Montagabend in Rhadereistedt – am Beispiel des erfolgreichen Dorfladens in Otersen im Kreis Verden. Von Lutz Hilken

 

Der Saal des „Gasthofes Mohrmann“ war voll mit Einwohnern aus der Gemeinde, darunter viele jüngere Bürger. „Das freut mich ungemein“, sagte Bürgermeister Thomas Czekalla. Der Arbeitskreis dürfe sich bestätigt fühlen. Die Planung sei „auf keinen Fall für die Katz‘“.

Von einem Besuch in Otersen sei die Rhader Delegation „stark beeindruckt“ heimgekehrt, wenngleich klar sei, dass weder die Gemeinde noch der Arbeitskreis „Zukunft für Rhade“ ein solch langfristig angelegtes Projekt alleine stemmen könnten. Sie seien auf die Bürger angewiesen.

So wie in Otersen, einem Ort mit 528 Einwohnern, in dem seit zwölf Jahren ein von Bürgern betriebener Dorfladen existiert. Der 1. Vorsitzende des dortigen Dorfladen-Vereins, Günter Lühning (Foto unten), informierte über die Erfahrungen und machte den Rhadern Mut.

Nahversorgung sichern
Das Bürger-Engagement für den Dorfladen mit Treffpunkt sichere die Nahversorgung, steigere die Lebensqualität und die Zukunftsfähigkeit im ländlichen Raum. Es biete einen Lebensmittelpunkt im Ort und jüngeren Einwohnern eine Perspektive.

Günter Lühning schilderte den Niedergang seines Heimatdorfes, als zunächst die Volksschule, später Handwerksbetriebe, Gaststätten und Einkaufsläden geschlossen wurden. Die Einwohnerzahl sank von 531 auf 426. Einhergehend mit deutlich sinkenden Immobilienpreisen. Ohne Nahversorgung fiel auch das Vermieten von Wohnungen schwer.

Dass es wieder aufwärts ging, der Ort über 100 Einwohner gewann, ist nicht zuletzt dem Dorfladen „von Bürgern für Bürger“ zu verdanken, inzwischen in einer neuen Version mit Café und Mietwohnung ausgestattet, als Ort für Kunstausstellungen, Treffpunkt für „Knüddel-Klub“ & Co..

Otersen habe das Glück gehabt, in die Dorferneuerung aufgenommen zu werden – eine Chance, die die Gemeinde Rhade jetzt gemeinsam mit Ostereistedt wahrnehmen möchte. Das ermöglichte Otersen zu investieren. „Viel wichtiger aber ist die Erfahrung, dass die Bürger ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen“, befand Günter Lühning.

Anhand belastbarer Zahlen aus Studien verdeutlichte er, dass nur wenige Dorfläden scheitern. Auf das Projekt in Otersen sei er stolz. „Dafür mussten wir kräftig arbeiten, aber es hat sich gelohnt.“ Anfangs belächelt, habe sich der Dorfladen etabliert, unterstützt von Bürgern. Wichtig sei, dass alle Einwohner die Chance haben, sich zu informieren und einzubringen – wie in Rhade. Für die Gründung eines Dorfladens benötige man Eigenkapital, etwa in Form von Anteilen am Dorfladen. „Jeder beteiligt sich so, wie er es sich leisten kann“, erläuterte er das Konzept aus Otersen. So kam es 2001 zur Eröffnung des Dorfladens. Lühning hob die menschliche Atmosphäre hervor, die nicht anonym sei wie in Supermärkten. Ein kleiner Markt sei nicht automatisch teurer als der große Laden in der Stadt. Mit schlagkräftigem Lieferanten, wie er auch für Rhade im Raum steht, sei ein gewisser Preiskampf machbar.

Chance für regionale Produkte
„Im Zweifel sind wir teurer, aber wenn Sie die Zeit und die Fahrtkosten mitrechnen, können wir mithalten“, sagte Günter Lühning. Zudem biete die Vermarktung regionaler Produkte eine Chance. Ausreichend Parkplätze seien wichtig, ebenso die Unterstützung des Dorfladens aus den Nachbardörfern. Dass das kein Spaziergang ist, erwähnte er anhand der Umsatzzahlen, in Otersen meist konstant bei jährlich 300 000 Euro. Der Gewinn falle mager aus und es gebe Jahre mit Verlusten – aufgefangen durch die Eigenkapitaldecke aus Dorfaktien der Bürger. Eine Erfolgsgarantie gebe es nicht. Das Geschäftsprinzip laute Auskömmlichkeit statt Gewinnmaximierung.


Für Rhade mit seinen 1100 Einwohnern machte der Redner ein Umsatzpotenzial von mehr als 1 Million Euro aus. Diese Kaufkraft gelte es zu binden. Rhade habe mit seiner Einwohnerzahl, der Entfernung zum nächsten Supermarkt und dem Bürger-Engagement gute Voraussetzungen, um einen Dorfladen einzurichten. Die Risiken seien eher gering. Reich werde niemand mit dem Laden. Die Rendite bestehe aus steigender Lebensqualität.
Artikel vom 15.05.13

„Es ist leicht zu sagen, es wird sowieso nichts“, sagt der 1. Vorsitzende des Dorfladen-Vereins Otersen. Der gewährte in Rhadereistedt Einblicke in die Erfolgsgeschichte des dortigen Dorfladens (Foto), der inzwischen seit zwölf Jahren existiert. Günter Lühning: „Dafür mussten wir kräftig arbeiten, aber es hat sich gelohnt.“ Fotos: lh

 

 

 

LUTZ HILKEN - Meine Meinung: Einmalige Chance nutzen
Jetzt haben es die Rhader und Rhadereistedter aus erster Hand: Der Betrieb eines Dorfladens von Bürgern für Bürger ist möglich. Erfolgreich möglich. Selbst in deutlich kleineren Orten als Rhade. Nämlich dann, wenn sich möglichst viele Einwohner finanziell daran beteiligen. Wenn sie gemeinsam mit anpacken. Wenn sie verinnerlichen: Ich kaufe im Dorfladen nicht nur das ein, was ich im großen Supermarkt vergessen habe, sondern eher umgekehrt. Wenn sie sich bewusst vor Augen führen, dass ein Dorfladen ein Treffpunkt ist und Leben im Ort bedeutet. Mehr noch: ein Stück Lebensqualität. Ein Modell, das selbst den Wert örtlicher Immobilien positiv beeinflussen kann. Denn mehr Angebot im Ort bedeutet weniger Wertverlust. Wohltuend ist, dass die Beteiligten nicht durch die rosarote Brille blicken, sondern Risiken und Probleme beim Namen nennen. Sie wissen, dass viel Arbeit nötig ist, um das Projekt Dorfladen und Dorftreff in Rhade nachhaltig auf den Weg zu bringen. Gemeinsam mit den Rhadereistedtern. Alle zusammen haben mit dem Vorhaben wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen. Den Bürgern könnte kaum etwas besseres passieren, als diese einmalige Chance zu nutzen.