„Beste Lösung: Eltern entscheiden“ - Interview mit dem Rhader Sozialausschuss-Vorsitzenden Fred Bollmeier ZZ 25.11.2014

„Beste Lösung: Eltern entscheiden“

Über die Zukunft der Kindergartenplätze - Interview mit dem Rhader Sozialausschuss-Vorsitzenden Fred Bollmeier

VON LUTZ HILKEN

RHADE. Die Betreuung von Kindern im Vorschulalter ist in der Samtgemeinde Selsingen ein viel diskutiertes Thema. Das Bestreben ist, in jeder Mitgliedsgemeinde eine Einrichtung zu erhalten und diese effizient zu betreiben. Aufgrund verschieden starker Auslastungen der Kitas, unterschiedlicher Strukturen und Interessenlagen gibt es Meinungsverschiedenheiten. Nicht zuletzt geht es ums Geld. Der Kindergarten Rhade und viele Eltern sorgen sich um die Zukunft seiner Kleingruppe für zehn Kinder, die „Mäusegruppe". Rhades Sozialausschussvorsitzender Fred Bollmeier erläutert im ZZ-lnterview die Rhader Sicht der Dinge.


Eltern von in Rhade betreuten Kindergartenkindern kämpfen für den Erhalt der „Mäusegruppe", also der Kleingruppe für zehn Mädchen und Jungen. Sie sammelten Unterschriften gegen eine drohende Schließung und demonstrierten sogar im Selsinger Rathaus. Ist die Sorge der Eltern berechtigt?

Zunächst einmal ist zu sagen, dass das Engagement der Eltern und die Unterschriftenliste - viele der Unterzeichner kommen übrigens auch aus den Gemeinden Ostereistedt und Rockstedt -deutlich machen, wie wichtig ihnen die „Mäusegruppe“ ist. Und dass die Eltern eine Schließung nicht so einfach hinnehmen, ist ja deutlich geworden.
Ginge es nun nach dem Willen der Samtgemeinde, so müssten sich die Eltern, liest man die Zeitung, tatsächlich Sorgen machen. Aber aus Rhader Sicht ist klar zu sagen, dass eine Schließung für uns nicht in Frage kommt, wenn wir dann Kinder abweisen müssten. Und wir haben uns ja schon bewegt, indem wir die Größe unserer Kleingruppe von 15 auf 10 Kinder reduziert haben. Unser Standpunkt ist somit ganz klar: Kein Kind wird weggeschickt.

Nur die Gemeinde Rhade kann die Kleingruppe per Ratsbeschluss schließen. Will sie das überhaupt?

Nein. Solange genügend Kinder angemeldet sind, will sie das nicht. Wir haben die Kleingruppe vor über zehn Jahren eingerichtet,
da die Nachfrage nach Kindergartenplätzen so hoch war. Diese Nachfrage war übrigens auch deshalb so hoch, weil es zu dem Zeitpunkt in der Samtgemeinde Selsingen nur zwei Kindergärten gab: die Selsinger „Arche“ in kirchlicher Trägerschaft und den Kindergarten in Rhade.
Unser Engagement hat sich gelohnt, denn der Kindergarten hat sich toll entwickelt und wird von den Eltern und Kindern sehr gut angenommen - wir sehen also keinen Grund, wieso wir jetzt bei voller Belegung eine Gruppe schließen sollten.

Ein Standpunkt lautet: Rhade generiert Kinder für die eigene Kita zu Lasten des Kindergartens in Ostereistedt. Was halten Sie den Kritikern entgegen?

Wie schon gesagt: Die „Mäuse-gruppe“ wurde 2003 eingerichtet, also zu einem Zeitpunkt, als es in Ostereistedt nur einen Spielkreis mit geringerem Betreuungsangebot gab. Wie kann vor diesem Hintergrund der Gemeinde Rhade vorgeworfen werden, sie betreibe ihren Kindergarten zu Lasten anderer?
Und von generieren kann doch nicht die Rede sein. Die Eltern entscheiden, wo sie ihre Kinder anmelden, und wenn sie die Rhader Kita wegen ihres Betreuungsangebotes, der Öffnungszeiten und der Räumlichkeiten wählen -dann können wir das nicht ändern. Was ich sagen will: Wir generieren gar nichts, wir haben einfach ein gutes Angebot.

Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die von Eltern zu zahlenden Beiträge, die im Vergleich in Rhade niedriger seien als im Rest der Samtgemeinde. Selsingen fordert hier eine einheitliche Regelung. Wie stehen Sie dazu?

Wir haben mit Verlängerung der Öffnungszeiten unseres Kindergartens die Beiträge erhöht - und nicht gesenkt. Allerdings haben wir die Beiträge nicht so hoch angehoben, wie es durch die Verlängerung der Öffnungszeiten möglich gewesen wäre. Bezogen auf den Beitrag je Betreuungsstunde liegen wir darum tatsächlich unter dem Niveau der Samtgemeinde. Diese Entscheidung hatte mit der vermeintlichen Konkurrenzsituation in der Samtgemeinde aber gar nichts zu tun.
Beiträge zahlen nur Kinder im ersten Kiga-Jahr. Und nur diese hätten also deutlich höhere Beiträge zahlen müssen - und das wollten wir nicht. Wir haben darum in Rhade nach Verlängerung der Öffnungszeiten aus sozialen Gründen entschieden, einen Teil der erhöhten Zuweisungen von Land und Kreis zu verwenden, die Elternbeiträge nur moderat ansteigen zu lassen. Die Kosten für diese Entscheidung trägt einzig und allein die Gemeinde Rhade,, nicht die Samtgemeinde. Wenn also die Samtgemeinde eine einheitliche Beitragsregelung wünscht, so könnte dies nur zu Lasten der Eltern gehen, was wir als Gemeinderat in Rhade vermeiden wollten.


Der politische Wille lautet, in jeder der acht Gemeinden innerhalb der Samtgemeinde Selsingen einen Kindergarten oder Spielkreis zu erhalten. Halten Sie dieses solidarische Prinzip für richtig oder wären Sie für zentralere Lösungen, also für weniger Kitas mit einem dafür umfangreicheren Angebot?

Wenn es durch das Konzept der Samtgemeinde zu unterschiedlich stark besuchten Kitas kommt, ist das ja nicht nur ein Problem zwischen Rhade und Ostereistedt, sondern auch, soweit ich weiß, in anderen Teilen der Samtgemeinde.

Aber dass die Samtgemeinde Selsingen in jeder Mitgliedsgemeinde eine Einrichtung zur Kinderbetreuung erhalten möchte, halte ich trotzdem für richtig, denn es gibt Eltern, die auf eine ortsnahe Betreuung angewiesen sind. Wenn die politischen Entscheidungsträger dieses wünschen, dann müssen sie aber auch die Kosten dafür tragen, selbst wenn die Kosten für Kindergärten höher sind als für Spielkreise und nicht alle Einrichtungen voll belegt werden können.
Dass eine Einrichtung, wie wir sie in Rhade über viele Jahre aufgebaut haben, dem Konzept der Samtgemeinde in Teilen widerspricht, sehe ich durchaus. Wir haben einen Kindergarten mit zwei Gruppen und eine Krippe. Vor allen Dingen die Krippe muss auch Kindern aus anderen Gemeinden offen stehen, nur mit Kindern aus der Gemeinde Rhade allein wäre sie nicht ausgelastet. So hat die Gemeinde Ostereistedt der Einrichtung der Krippe auch zugestimmt. Ferner sollen die Krippenkinder dann aus pädagogischen Gründen in den Kindergarten wechseln können. Klar ist aber, dass ein solches Angebot nicht in jeder Gemeinde vorgehalten werden kann.
Ich denke, die Lösung sollte darin bekbüen* die Eltern entscheiden zu lassen, wo sie ihre Kinder anmelden. Eltern, die ihre Kinder ortsnah betreut wissen wollen* wählen die Ostereistedter Kita, andere, die eine Krippe oder längere Betreuungszeiten benötigen, kommen nach Rhade. Die Angebote ergänzen sich dann.


Rhade hat bereits vor Jahrzehnten einen Kindergarten und später eine Krippe gebaut, während in den meisten anderen Gemeinden lange Zeit Spielkreise als ausreichend erschienen. Das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Warum hat Rhade seinerzeit bereits für ein umfangreicheres Betreuungsangebot gesorgt?


Bis 1990 hatten wir in Rhade einen Spielkreis. Spielkreise unterscheiden sich von Kindergärten in der Länge der Öffnungszeit und in der Qualifikation und dem Umfang des Personals, weshalb Spielkreise kostengünstiger sind als Kindergärten. Deshalb muss ein Spielkreis nicht schlecht sein, aber es bestand ein Wunsch in der Elternschaft unserer Gemeinde, das Betreuungsangebot zu erweitern, und diesem Wunsch ist der Rat der Gemeinde Rhade nachgekommen. Da die Samtgemeinde Spielkreise als ausreichend betrachtete und darum keinen Kindergarten in Rhade einrichten wollte, hat Rhade die Trägerschaft übernommen und in Eigenregie einen Kindergarten betrieben. Die damit verbundenen höheren Betriebskosten hatte die Gemeinde Rhade zu tragen, die Samtgemeinde legte für den Lastenausgleich über viele Jahre die durchschnittlichen Kosten für Spielkreise zugrunde.
Die Kita in Rhade hat sich also fast über ein Vierteljahrhundert entwickelt. Im Kindergartengebäude und in der Qualifikation des Personals stecken eine Menge Mühe, Engagement und nicht zuletzt auch Geld. Und darum sehen wir uns auch nicht in der Lage, jetzt etwas davon aufzugeben und womöglich Personal zu entlassen, weil die Samtgemeinde ihr Betreuungskonzept vor einigen Jahren geändert hat.

Wie sähe aus Ihrer Sicht eine ideale Lösung aus, die sowohl den Interessen der Gemeinde Ostereistedt als auch der Samtgemeinde Selsingen als auch der Gemeinde Rhade gerecht werden würde?

Die für mich beste Lösung wäre, wie schon gesagt, dass die Eltern entscheiden, wo sie ihre Kinder anmelden. Alles Weitere würde sich dann ergeben.
Der Lösungsansatz der Samtgemeinde, die „Mäusegruppe“ zu schließen, ist für die Gemeinde Rhade aus den schon genannten Gründen nicht akzeptabel. Diese Lösung würde zu einer Minderung unseres Angebotes führen und die Annahme der Krippe gefährden. Und nicht zuletzt geht es ja auch um Arbeitsplätze.
Wenn eine tragbare politische Lösung möglich sein sollte, so könnte sie nur in einem Gespräch der beteiligten Gemeinden gefunden werden. In Kürze soll allerdings ejn solches stattfinden. Bisher haben wir ja immer nur in der Zeitung lesen können, dass in der Samtgemeinde über uns gesprochen worden ist.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kindergartens mit Regel- und Kleingruppe sowie Krippe in Rhade?

Schön wäre es, wenn unsere Krippe besser angenommen werden würde - im Gegensatz zum Kindergarten sind dort noch Plätze frei. Mit Sorge blicken wir natürlich auch auf den demographischen Wandel, denn die Kinderzahlen werden in naher Zukunft noch weiter zurückgehen. Aber vielleicht können wir dann die frei werdenden Kapazitäten in der Kita nutzen, um eine Integrationsgruppe oder eine Hortgruppe für die Schulkinderbetreuung am Nachmittag einzurichten. Damit machen wir aus der Not dann vielleicht eine Tugend.

 

Zur Person

Fred Bollmeier ist 53 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Der Gymnasiallehrer ist Mitglied im Rhader Gemeinderat, dort Vorsitzender des Sozialausschusses und außerdem 2. stellvertretender Gemeindebürgermeister. ZZ 25.11.2014