Demographischer Wandel - Gutachten

  Der demographische Wandel trifft die ländliche Region, insbesondere aber die Dörfer! Ob nun gleich von einem "Sterben der Dörfer" ausgegangen werden muss, sei dahingestellt. Sicher ist aber, dass wir mit gravierenden Veränderungen rechnen sollten, denen wir begegnen müssen - wollen wir in unserem Ort auch weiterhin Lebensbedingungen vorfinden, die wir als angenehm und lebenswert betrachten dürfen.

Erste Aktionen, auf die Entwicklung zu reagieren, gibt es ja bereits. Zu nennen wäre die "Initiativgruppe Jägerhaus" und die Arbeitsgruppe "Zukunft für unsere Dörfer".

 

 

Um demographische Entwicklungen abschätzen zu können, haben die Samtgemeinden Selsingen, Sittensen, Zeven und Tarmstedt ein Gutachten für die Region "Börde Oste-Wörpe" in Auftrag gegeben. Ergebnisse aus diesem Gutachten liegen für die Samtgemeinde Selsingen und einzelne Mitgliedsgemeinden bereits vor. Das Gutachten zur Samtgemeinde ist auf der Homepage der SG Selsingen abrufbar oder direkt hier. Das Gutachten für die Gemeinde Rhade ist am 12.12.2012 von dem Dip.-Ingenieur Kramer der Öffentlichkeit vorgestellt worden (s. dazu den Bericht aus der ZZ). Die genauen Ergebnisse liegen jetzt vor, ihr findet sie hier (klick). 

 

 

 

Weiteres folgt.

 

Demographiegutachten für Rhade - die ZZ berichtet

Grundschule als Knackpunkt

Rhadereistedt. Die gute Nachricht vorweg: Das Interesse der Bürger am Demografiegutachten für die Gemeinden Rhade und Ostereistedt ist relativ groß. Was die rund 100 Zuhörer am Dienstagabend im Rhadereistedter „Gasthof Mohrmann“ an Perspektiven für den Zeitraum bis 2030 zu hören bekamen, stimmte sie jedoch weniger positiv. Insbesondere die ungewisse Zukunft der Grundschule Rhade ließ aufhorchen. Von Lutz Hilken

Die Gemeindebürgermeister Thomas Czekalla (Rhade) und Ulrike Ringen (Ostereistedt) hießen Einwohner aus den vier betroffenen Dörfern zum gemeinsamen Themenabend willkommen.

Dipl.-Ing. Peter H. Kramer stellte Eckdaten des Gutachtens vor, das auf Basis von Computersimulationen die voraussichtliche Bevölkerungs- und Wohnraumentwicklung bis 2030 aufzeigt, Szenarien formuliert, Folgen abschätzt und Handlungsmöglichkeiten für die Gemeinden nennt.

Um es vorweg zu nehmen: Die Einwohnerzahl wird in beiden Gemeinden abnehmen, was nicht ungewöhnlich sei. Deutlich ist indes die Tendenz, dass die kleineren Orte Rockstedt und Rhadereistedt stärker davon betroffen sein werden. In Zahlen ausgedrückt: Rhade muss mit einem Bevölkerungsrückgang von 13 Prozent rechnen, Rhadereistedt mit 18 Prozent, Ostereistedt mit 10 Prozent und Rockstedt mit 13 Prozent. Wohlgemerkt im sogenannten „Aktiv-Szenario“, das die Gemeinden vielfältig in der Pflicht sieht. Im „Passiv-Szenario“ ohne zusätzliche Anstrengungen der Kommunen bliebe die voraussichtliche Bevölkerungsentwicklung für Ostereistedt und Rockstedt ähnlich. In der Gemeinde Rhade wüchse der Verlust indes auf 17 Prozent. „Das sehen Sie, wenn Sie in den Ort kommen“, verdeutlichte Kramer. Der Leerstand werde dann offensichtlich.
 

22 Prozent Einwohnerverlust


Für Rhadereistedt sei sogar ein Einwohnerverlust von 22 Prozent bis zum Jahr 2030 berechnet. Das sei „substanziell“, auch der vorraussichtliche Abgang an Wohnraum. Beide Szenarien gehen von einem Erhalt der Grundschule Rhade aus. Müsse diese schließen, werde das Passiv-Szenario „viel dramatischer“ ausfallen.


Generell relativierte der Gutachter, dass „im Prinzip“ nicht die Einwohnerzahl eines Dorfes entscheidend ist, sondern dass sich die Menschen dort wohl fühlen. Bezogen auf verschiedene Altersstrukturen verdeutlichte der Gutachter, dass der Rhader Kindergarten angesichts der Bevölkerungsentwicklung auf längere Sicht mit einer statt bisher mit zwei Gruppen auskommen werde. Für den Kindergarten in Ostereistedt gilt: Eigentlich reicht die Zahl der Kinder aus, um ihn zu erhalten – wenn sie denn dort angemeldet werden.

Als „sehr dramatisch“ bezeichnete Peter H. Kramer die Situation für die Grundschule Rhade. Die Zahl der sechs- bis zehnjährigen Kinder werde sich in wenigen Jahren halbieren. „Damit allein können Sie keine Grundschule betreiben.“

Sollten sich die anderen Mitgliedsgemeinden der Samtgemeinde Selsingen für das wenig kreative „Passiv-Szenario“ entscheiden, laufe alles auf eine Beschulung der Kinder in Selsingen hinaus. „Rhade und Ostereistedt können den Standort nicht allein sichern, sondern sind auf die Nachbargemeinden angewiesen“, stellte der Gutachter fest.

Der gab den Gemeinden ferner den Tipp, zentrale Spieplätze im Ortskern einzuführen und nicht mehr genutzte zu schließen, sich vor allem um Jugendliche zu kümmern, sie an den Heimatort emotional zu binden, ihnen auch nach einer Rückkehr aus Ausbildungs- oder Studienorten weltoffen und tolerant zu begegnen. Die 45- bis 65-Jährigen wertete er als wichtigste Klientel für Sportvereine, und die „jungen Alten“ ab 65 Jahren seien für das Gemeinwesen von immenser Bedeutung.

Insgesamt, das wurde ebenfalls deutlich, ist der Handlungsspielraum relativ klein in beiden Gemeinden. Bürgerliches Engagement sei gefragt, um dem Dorf als Auslaufmodell zu begegnen. Und nicht zuletzt müsse überlegt werden, wie in den Orten mit leer stehenden Gebäuden umzugehen sei. Leerstand schädige das Image und dokumentiere: „Dieser Ort stirbt.“ Dem zu begegnen, ist jetzt Aufgabe der Gemeinden. Thomas Czekalla bilanzierte: Die Struktur der Dörfer werde sich verändern, was sich auf die Lebensqualität auswirke. Daher versprach er: „Wir wollen uns nicht mit dem Passiv-Szenario abfinden.“

ZZ 13.12.2012 lh